Wiederaufbau der Borsbergstraße
Am 13. Februar 1945 kehrte der von Deutschland entfesselte Krieg, kurz vor dessen Ende, nach Dresden zurück. Die Innenstadt aber auch die angrenzenden Stadtbezirke versanken bei einem englisch/amerikanischen Luftangriff, welcher zweifelsohne jedoch ebenfalls als Kriegsverbrechen einzustufen ist, in Schutt und Asche. Und auch die Borsbergstraße wurde ab der Krenkelstraße bis auf einen nordwestlichen Rest vollständig zerstört. Und noch heute sind Spuren des Luftangriffes zu sehen. Als im Jahre 2001 die südliche Seite der Gehbahn saniert wurde, stießen die Bagger auf die verschütteten Keller der einst dort stehenden Häuser. Zerstörte Gebrauchsgegenstände, 56 Jahre im Schutt liegend, kamen zum Vorschein. Zersprungenes Geschirr, geborstene Kacheln der Öfen, verrottete Nähmaschinen, verbogener Schrott.
Eines Abends stieg ich in einen der aufgerissenen Keller und stocherte im Schutt. Ich fand die Reste einer zerdrückten Stehlampe, den Hahn eines
Durchlauferhitzers, die Gabel des einst guten Silberbestecks, eine Pfefferstreuer aus Kristallglas und eine Münze aus Bosnien. Ein Stück Kleiderstoff lag noch zusammengelegt im vermoderten und angekohlten Rest eines Schrankes oder einer Truhe. Das verbeulte Schild eines öffentlichen Telefons ziert heute meinen Keller. Unweit lagen verbogene Eisenträger und die Reste der Dampfbügelmaschine aus Dora Falkenhainers Dampfbügelei.
Letztlich bekam ich den ganzen Schrecken jener Nacht zu Augen, als ich den
ausgebrannten Körper einer Stabbrandbombe aus den Schutt herausstocherte Wer weiß, was noch alles zugeschüttet wurde. Und auch wer beim
Spaziergang über die Borsbergstraße die Augen senkt, der findet in den Granitplatten noch die Spuren, welche die Splitter der explodierenden Sprengbomben
hinterließen.
Jedoch
wurden die Trümmer schon bald beräumt und zwischen Müller Berset Straße und der
Doppelfahrbahn der Carlowitzstraße, nun den Namen des humanistischen
Schriftstellers Bertold Brecht tragend, entstand ein Betonwerk, die Trümmer
wurden zu Ziegelsplitt zermalen, mit Zuschlagstoffen vermengt und es entstanden
die ersten Platten für den Wohnungsbau. Platten für den Bau der Seevorstadt und,
was lag näher, da rings um das Baustoffwerk eine riesige Einöde war (so oder
ähnlich muss es wohl ausgesehen haben als die Gärtnereien der Straße J
niedergelegt wurden)? Auch auf der Borsbergstraße wurde mit dem Bau eines neuen
Wohngebietes begonnen. Ein damals junger Architekt machte von sich reden, sein
Name: Wolfgang Hänsch. Später war er der maßgebliche Architekt beim Wiederaufbau
der Semperoper. Aber bleiben wir bei der Borsbergstraße. 1200 Wohneinheiten
umfasste das Aufbaugebiet zwischen Großer Garten und der Haydnstraße, zwischen
Fetscherplatz und Pohlandplatz und die Borsbergstraße mittendrin, sozusagen als
neue Magistrale. Während südlich der Borsbergstraße noch auf die alten Bau- und
Straßenfluchten Rücksicht genommen werden musste, konnte im Bereich der
Borsbergstraße und nördlich davon eine Kranbahn errichtet und somit der
industrielle Wohnungsbau erstmalig durchgeführt werden.
Schauen
wir uns aber erst einmal den Plan zur Gestaltung der Borsbergstraße genauer an.
Oben die Kreuzung mit der Krenkelstraße, rechts das noch vorhandene Stückchen
der Altbebauung. An dieser angebaut der erste Neubaublock, das Wohnhaus O 1. Die
Mosenstraße wurde von der Borsbergstraße abgekoppelt und gleich danach der
nächste Block, das Wohnhaus O 2a. Verbunden durch große Loggien mit dem Block O
2b. In den Erdgeschosszonen wurden Läden eingerichtet, als östlicher Abschluss
eine, ich betone wiederum eine, Gaststätte, welche später unter den Namen
Cafe Borsberg in die neuere Geschichte eingehen sollte. Der größte Teil der
damalige Stormstraße wurde überbaut, lediglich ein Zipfelchen, dort wo noch die
Altbebebauung erhalten war, blieb als Straße bestehen, nun mit dem Namen Hans
Böheim Straße. Dahinter das Heizhaus für die Wohnungen und Läden des
Borsbergstraßenkomplexes. Entlang der Mosenstraße und der Haydnstraße entstanden
ebenfalls Neubaublöcke. Da nun die Stormstraße fehlte, entstanden zwischen den
Blöcken große einladende Innenhöfe mit Grünanlagen und Spielplätze. Da
bekanntlich nichts ewiger steht als Provisorien, sind noch heute die
Steinbaracken vorhanden, eine Glaserei und eine Bügelei hat hier ihr Domizil.
Auf der anderen Seite der Borsbergstraße ähnliche Bebauung. Hier der
Loggienübergang nicht ganz so groß und der östliche Abschluß bildet ein
Appartementhaus mit Einraum- und Zweiraumwohnungen und Ateliers. Allerdings war
hier die Ausstattungen nicht besonders, aus Platzgründen verzichtete man auf
Bäder in den Wohneinheiten, Etagenbäder sollten zur Wahrung der Reinlichkeit
dienen. Nun muss man dies allerdings auch in den Augen der späten 50er sehen.
Bäder in Wohnungen waren da im allgemeinen noch Luxus. Die farbige Fassadengestaltung an den Neubaublocks
war interessant aber auch umstritten,
wie dieser Zeitungsartikel aus der Entstehungszeit zeigt:
"...Walter Stübner meinte: "Wir müssen uns wohl
erst daran gewöhnen. Mir gefällt es nicht. Grauer Putz hätte mir besser
gefallen. Das muss ich ehrlich sagen."
Eine Frau aus Trachenberge: "Mir gefällt es gut. Das sieht so lustig und lebhaft
aus. Die einfache Farbe und ein paar weiße Striche um die Fenster wirkt meiner
Ansicht nach nicht so. Bei uns in der Neustadt ist soviel grau, dass wir uns
schon jetzt freuen, wenn wir auch dran sind."
Unterleutnant Bierich von der Volkspolizei war auch für das Bunte, wünschte sich
jedoch eine geschmackvollere Zusammenstellung der Farben. ..."
Das Gebäude östlich der Müller Berset Straße befindet sich nur auf dem Papier, es sollte einst ein großes Lichtspieltheater in sich bergen, wohl als Ersatz für das zerbombte Gloriapalastes auf der Schandauer Straße. Heute befindet sich an dieser Stelle das in den 80er Jahren erbaute Studentenwohnheim. Dem gegenüber blieb der Platz noch lange leer. Nur ein Wartehäuschen stand an dieser Stelle bis in den 90er Jahren ein zweigeschossiger Einkaufstempel errichtet wurde - Kaufland und weiter kleinere Lädchen im Erdgeschoß. Bleiben wir jedoch im Jahre 1958. Kurz vor Weihnachten wusste die Sächsische Zeitung mit einem entsprechenden Bild zu melden:
"Das war bestimmt für sie die schönste Weihnachtsfreude! Eine der 36 Familien, die noch vor Jahresschluss in die Borsbergstraße 22, 22b und 33 einziehen konnten, war Familie Berg, die bisher auf Untermiete wohnte."
Allerdings wohnt die Familie Berg nicht mehr an dieser Stelle. Schade. ich hätte sie gerne einmal interviewt. Die Wohnungen jedenfalls waren und sind, bis auf die kleinen Wohnungen im Appartementhaus, sehr beliebt und ebenso beliebt waren und sind, sofort nach deren Eröffnung, die Läden in den Erdgeschossen.

Schon damals konnte man fast alles kaufen, wenn es was zu kaufen gab. In
Anlehnung des Vorkriegseinkaufsbummels auf der entsprechenden Seite waren auf der neuen Borsbergstraße
vertreten:
Die Rosenapotheke, eine kleine Buchhandlung, ein Blumengeschäft und
Baumgärtels Eisenwarenlädchen. Joachim Meyer betrieb seinen Gemischtwarenladen
und die Konditorei hatte verschiedene Besitzer. es folgte in den Neubaublöcken,
das Sanitätshaus und die chemische Reinigung, das Ledergeschäft und der
Blumenladen an der Ecke zur Mosenstraße. Nach der Mosenstraße folgte die
Lebensmittel-Selbstbedienung, die Drogerie, der Haushaltwarenladen, wo zunächst
ein kleines Möbelgeschäft untergebracht war, das Spielwarengeschäft, Uhren und
Schmuck sowie ein kleiner Kunstgewerbeladen. es folgt das Cafe Borsberg,
eröffnet am 1. September 1959.
Hinter dem Café gab es zunächst Pelze, später Jugendmodeklamotten mehr oder
minder häufig zu erstehen und den Abschluss bildete das Miederwarengeschäft. Auf
der gegenüberliegenden Straßenseite gab und gibt es noch heute im "Glühwürmchen"
was für die Naschkatzen, bevor sich dessen Räume in den 80er Jahren zum
Delikatgeschäft (für nicht gelernte DDR Bürger, überteuerte Genußmittel oder
Lebensmittel des gehobeneren Bedarfs, zumeist aus Gestattungsproduktion)
mauserte, hatten im Hause noch ein Backwaren- und Süßwarengeschäft sein Domizil.
es folgte die Molkerei, das Fischgeschäft, der Fleischer sowie der Obst und
Gemüseladen. Hinter der Mosenstraße hatte schon immer der Friseur sein zu Hause,
es folgte ein Kurzwarenladen, das Schreibwarengeschäft und Zerbrechliches gab
es im anschließenden Glas und Porzellanladen. Auch schon ewig das Fotogeschäft.
An der Ecke das Schuhgeschäft, der Fahrradladen, Elektroartikel und das
Rundfunkgeschäft mit einer kleinen Schallplattenabteilung.
Einige, so zum Beispiel das Uhrengeschäft, das Fischgeschäft,
Schreibwaren, das Glühwürmchen, Fleischerei und Haushaltwaren sind noch heute
vorhanden. Andere Läden
wechselten, besonders in den 90er Jahren ihr Sortiment oder wurden erst einmal
ganz geschlossen. Aber ein Leerstand der Handelseinrichtungen, das ist auf der Borsbergstraße nicht zu verzeichnen. Auch die Wohnungen sind, ich schrieb es ja
schon, wenn man sich andere Dresdner Gebiete anschaut, sehr gut belegt. Zwar
könnte man meinen das der Verkehrslärm Mieter abschreckt, aber man gewöhnt sich
daran und wenn ich irgendwo im Urlaub bin fehlt mir da etwas. Alles in allem
kann man sagen, das das Experiment des industriellen Wohnungsbau geglückt ist,
das was später mit der Erfindung der Großbetonplatte und der Einförmigkeit
daraus geworden ist, das kann man den damaligen Architekten und Bauarbeitern nun
wahrlich nicht anlasten.

Diese letzten beiden Bilder zeigen das Aufbaugebiet jeweils vom Osten und vom
Westen der Borsbergstraße.
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